Stixus’s Weblog

April 21, 2008

Zurück zur Atomkraft

Gespeichert unter: klima — stixus @ 6:21
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Belgien hatte ebenso wie Deutschland den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Bis 2020 sollten die beiden belgischen Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Doch seit dem Regierungswechsel Anfang des Jahres wird darüber nachgedacht, die Laufzeit der Kraftwerke zumindest um einige Jahre zu verlängern. Ruth Reichstein berichtet.

Der belgischen Tageszeitung „Le Soir“ war die Nachricht kürzlich ein Aufmacher auf der ersten Seite wert: 61 Prozent der frankophonen Belgier wollen die Atomenergie behalten, um den CO2-Verbrauch im Land zu beschränken. Das hatte eine Umfrage unter den Französisch sprechenden Belgiern in der Wallonie und in Brüssel ergeben. Für den flämischen Teil gibt es zwar keine aktuellen Zahlen, aber, so vermutet die Zeitung, die Ergebnisse sähen vermutlich sehr ähnlich aus.

Für viele in Belgien ist die Umfrage ein Zeichen für die Wende in der Diskussion um die Kernenergie im Königreich.

„Die Debatte an sich ist nicht neu. Neu ist aber die positive Einstellung der Bevölkerung. Die Leute haben offensichtlich immer mehr Angst, dass es in ein paar Jahren nicht mehr genügend Energievorräte geben könnte“,

sagt Michael Huart, Energieexperte an der Freien Universität in Brüssel. Die Risiken, die mit der Kernkraft verbunden sind – Zwischenfälle etwa oder die Lagerung des radioaktiven Abfalls – werden von den Belgiern nach der aktuellen Umfrage in Kauf genommen. Auch in der EU-weiten Befragung Eurobarometer sagten 65 Prozent der befragten Belgier, sie sähen keine Risiken für ihr Land durch die Benutzung der Kernkraft. Damit liegen sie in der Spitzengruppe innerhalb der Europäischen Union.

Zurzeit gibt es in Belgien zwei Kernkraftwerke. Alle Reaktoren sollen in den kommenden zwölf Jahren abgeschaltet werden. Eigentlich, denn die große Koalition in Brüssel hat nun eine Diskussion darüber angestoßen, die Laufzeiten eventuell zu verlängern. Die frankophonen Liberalen etwa, die 2003 noch für den Ausstieg gestimmt hatten, plädieren in der Zwischenzeit für eine Verschiebung des Ausstiegsdatums.

Die deutschsprachige Abgeordnete Kattrin Jadin, die im parlamentarischen Energieausschuss sitzt, zu den Gründen:

„Wir wissen, dass zum Beispiel ein Bericht beweist, dass Belgien bis 2017 ein großes Versorgungsproblem haben wird. Das heißt, dass wir sonst vermehrt auf ausländische Energiezufuhr angewiesen wären. Zweitens gibt es EU-Richtlinien, die vorsehen, dass man auf Energien zurückfahren muss, die CO2-niedrig sind, und da hat die Kernenergie natürlich auch einen Vorteil.“

Versorgungssicherung und CO2-Einsparung, das sind die beiden Argumente der Befürworter. Dazu gehören die ebenfalls an der Regierung beteiligten flämischen Christdemokraten und Liberalen. Auch die frankophonen Sozialisten, die zurzeit den Umwelt- und Energieminister stellen, können sich eine Verlängerung mittlerweile vorstellen. Dagegen sprechen sich nur noch die Grünen und Umweltschutzgruppen aus. Jan Vande Putte von Greenpeace Belgien:

„Der Vorrat an Uranium ist viel geringer als der an Öl oder Gas. Man kann also die fossilen Brennstoffe garantiert nicht auf lange Sicht durch Atomenergie ersetzen. Wir brauchen die erneuerbaren Energien.“

Aber die Unterstützung in der Politik für Solar-, Wind- und Biomasse-Energie fehlt. Ein Grund für den Sinneswandel ist die schlechte Haushaltslage in Belgien. Noch immer ist der Staat hoch verschuldet, und in diesem Jahr könnte es schwierig werden, ohne zusätzliche Schulden auszukommen. Investitionen in erneuerbare Energien und das Stromnetz kommen da ungelegen. Nach Berechnungen der liberalen Politikerin Kattrin Jadin wären dafür in den kommenden Jahren insgesamt 17 Milliarden Euro notwendig.

Dieses Problem sieht auch Energieexperte Michel Huart:

„Wir brauchen Investitionen, um die Atomkraft ersetzen zu können. Aber es ist kein Geld da. Der Vorschlag, der jetzt immer mehr Zustimmung bekommt, ist: Wir lassen die Atomkraftwerke, die bereits abgeschrieben sind und die somit Gewinne einfahren, länger laufen, um so die notwendigen Investitionen zu finanzieren.“

Die Diskussion über die Zukunft der Kernenergie in Belgien wird sich wohl noch etwas hinziehen. Bisher, sagt Huart, warten jedenfalls alle Beteiligten auf eine endgültige Entscheidung der Politik.

Wir brauchen eine endgültige Bestätigung des Ausstiegs. So lange das nicht passiert, werden die notwendigen Investitionen blockiert bleiben. So können die erneuerbaren Energien die Atomkraft nie ersetzen. Und dann haben wir ein echtes Problem.

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