Mehr als ein Viertel aller deutschen Beschäftigten arbeitet für einen Hungerlohn.
Das geht aus einer Länderstudie hervor – in der Deutschland den letzten Platz belegt.
Mehr als 20 Prozent aller Beschäftigten arbeiten in Deutschland für weniger als zwei Drittel des Durchschnittslohns – und gelten damit als Niedriglohnbeschäftigte. Das geht aus einer Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) hervor. Das Institut hat mit Partnern in fünf europäischen Ländern eine Untersuchung zur Beschäftigung im Niedriglohnsektor durchgeführt.
Waren vor zehn Jahren rund 15 Prozent der Beschäftigten, so arbeiten heute schon 22 Prozent zum Billigtarif. Auch im Vergleich schneidet Deutschland schlecht ab – nirgendwo in Europa liegt die Quote höher. In Großbritannien liegt der Anteil der Geringverdiener an allen Beschäftigten bei 21,7 Prozent, in den Niederlanden bei 17,6 Prozent, in Frankreich bei 11,1 Prozent und in Dänemark sogar nur bei 8,5 Prozent.
„In den vergangenen zehn Jahren hat es somit in Deutschland eine beispiellose Ausdifferenzierung nach unten gegeben.“
Besonders erschreckend: Die hohe Zahl derjenigen, die sich mit absoluten Billigjobs zu Stundenlöhnen von unter fünf Euro begnügen müssen. Das sind inzwischen fast zwei Millionen Arbeitnehmer, knapp ein Drittel der 6,5 Millionen Beschäftigten im Niedriglohnsektor. In den meisten anderen Ländern, so auch im liberalen Großbritannien, sind solche Löhne gesetzlich verboten.
Im Gegensatz zu Deutschland ist es anderswo gelungen, den Niedriglohnsektor einzudämmen. „In allen untersuchten Ländern ist der Anteil der Niedriglöhner nahezu stabil geblieben oder gesunken – nur in Deutschland ist er massiv explodiert“.
Claudia Weinkopf vom IAQ warnt: „Wenn die Politik nicht gegensteuert, kann der Niedriglohnsektor in Deutschland sogar größer werden als in den USA.“ Besonders durch die Hartz-Gesetze sei der Arbeitsmarkt stark dereguliert worden: Leiharbeit wird seitdem massiv gefördert, auch Minijobs, bei denen die Arbeitgeber keine Sozialabgaben leisten müssen, boomen – eine Entwicklung, die auch der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Robert Solow in seinem Vorwort der Studie anprangert: „Ganz offensichtlich stellt sich die Frage, ob diese Institution eine tragfähige Lösung in einer modernen Wirtschaft ist.“